Journalismus über Spaltung hinweg – ist das möglich?

Olga Doleśniak Harczuk, Magdalena Steciąg. Fot. Hans Scherhaufer

„Wir driften ab in Richtung Identitätsmedien“, sagte Olga Doleśniak-Harczuk, stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschriften Nowe Państwo und Journalistin bei Gazeta Polska Codziennie, während der Debatte über die Glaubwürdigkeit von Medien, die die Jubiläumsausgabe der Deutsch-Polnischen Medientage beendete. Zu den Problemen, nach deren Gründen und Lösungen Praktiker von beiden Seiten der Grenze suchten, gehörten Themen wie Unseriosität bei der Arbeit, starke weltanschauliche Polarisierung und die Tabloidisierung von Informationen.

Glaubwürdigkeit sollte die zentrale Eigenschaft der Arbeit eines Journalisten sein, doch allein die Definition dieses Begriffes scheint problematisch. Professor Magdalena Steciąg vom Lehrstuhl für Linguistische Kommunikation an der Universität Zielona Góra benannte grundsätzliche Wirkungsmechanismen der Glaubwürdigkeit im Journalismus. Rezipient und Journalist müssten eine besondere „kommunikative Gemeinschaft“ bilden, die auf der gesellschaftlichen Übereinkunft beruht, dass der Adressat einer Information von den besten Intentionen des Journalisten überzeugt ist, und derjenige, der diesen Beruf ausübt und das hohe öffentliche Vertrauen genießt, die faktographische und kommentatorische Ebene, die er mit einer Nachricht übermittelt, klar voneinander trennt. Steciąg sagte, gegenwärtig hätten wir es mit einem Zerfall „in kleinere weltanschauliche Gemeinschaften” zu tun, was die Glaubwürdigkeit der Medien infrage stelle.

Einen entschieden negativen Einfluss auf die Qualität der übermittelten Informationen in Polen habe „der wachsende politische Konflikt, der zu mehr Subjektivität verführt“, sagte Piotr Semka von der Wochenzeitschrift Do Rzeczy. Der Zustand der Medien und der Rückgang der Leserschaft, aber auch die breite Zugang zu Informationen trage dazu bei, dass die Qualität der Beiträge zurückgeht.

Semka sprach auch davon, dass die schwächer werdende Position der Journalisten gegenüber den Medienverlegern nicht ohne Bedeutung sei. „Journalisten werden immer weniger Stellen angeboten, man ermuntert sie dazu, selbstständig zu werden, was mit geringeren Verdiensten einhergeht“, stellte der Journalist fest. Die wacklige ökonomische Sicherheit zwinge Journalisten, mehr Aufträge anzunehmen, was wiederum dazu führe, dass die Zeit fehle für seriöse Recherche und Verifizierung von Informationen und Quantität über Qualität gestellt werde.

Ihren „Beitrag“ zum Rückgang der Glaubwürdigkeit leisteten auch die Rezipienten von Informationen. Sie interessierten sich vor allem für Sensationsnachrichten, die nicht viel Nachdenken erfordern. In einer Zeit der Tabloidisierung von medialen Botschaften verschwinde bei den Lesern die Fähigkeit, kritisch zu denken und Fakten selbstständig zu bewerten, sagte Robert Skuppin, Programmchef radioeins des rbb. Viele Menschen zögen „sich aus der Diskussion zurück und schenken zweifelhaften Texten, die auf unglaubwürdigen Seiten veröffentlicht werden, grenzenloses Vertrauen“. Der Programmchef war der Meinung, dass die Medien „die psychologischen Wirkungsmechanismen und den Widerwillen von Rezipienten gegen konstruktive Kritik kennen und ihre Botschaft daran anpassen, um ihre Leserschaftsstatistik aufzubessern“.

Die Diskussionsteilnehmer sahen dennoch die Chance, den Zustand der Medien zu verbessern und das Vertrauen wiederaufzubauen. Eine der Lösungen bestehe darin, mit den Abnehmern in einen Dialog zu treten. Der Programmchef von radioeins erzählte, wie seinem Sender viele Male vorgeworfen wurde, der politischen Linie des Staates zu folgen (wegen der Finanzierung aus öffentlichen Mitteln).

„Um der kränkenden Debatte ein Ende zu setzen, haben wir Internetkommentatoren ins Studio eingeladen und ihnen den gesamten Prozess der Auswahl und der Erstellung von Informationen gezeigt“, erklärte Skuppin.

„Wenn wir dazu beitragen wollen, dass Problem der Pauperisierung von Informationen zu lösen, sollten sich auch die Journalisten selbst an ihre grundlegende Pflicht erinnern“, betonte Doleśniak-Harczuk mehrmals. Steciąg ergänzte, der gegenwärtige Journalismus sollte nicht nur ein Kampfring sein für starke, polarisierte Charaktere und für Persönlichkeiten, die nach Anerkennung suchen, sondern auch eine Plattform für den Dialog.

 

Der bericht wurde durch Mitglied der Jungen Redaktion der SdpZ Iza Pierzchała vorbereitet.